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Nico & Michael

Schau mir in die Augen, Partner!

Eine seltsame Situation: Um mit dem gehörlosen Nico zu sprechen, reden wir viel mit seinem Anleiter Michael. Zwar hat Nico keine Gebärdensprache gelernt, aber die blitzenden blauen Augen und das verschmitzte Lächeln sagen dann doch mehr als manche Worte. Wir begleiten das eingespielte Technikteam bei seiner täglichen Repara-Tour rund um die Gebäude der Lebenshilfe Offenburg.

  • In einem frisch renovierten Raum unterhalten sich Anleiter Michael und Nico. Sie stehen dabei vor ihrem geöffneten Werkzeugkasten, der auf einem einfachen Arbeitstisch liegt.
    Jeden Morgen trifft sich das Elektrik-Team, um zu besprechen, was ansteht. Dann gehen Michael und Nico auf eine Tour, die von Serverschränken bis zu Straßenlaternen täglich Neues bietet.

Der gelernte Industrieelektriker und Ofenbauer Michael ist nach 25 Jahren Selbstständigkeit beim inklusiven Dienstleister iD eingestiegen. Großes Hallo im Bewerbungsgespräch: Vor langer Zeit hat Michael dem Betriebsleiter einen Kachelofen gesetzt. Etwas Besseres hätte er nicht finden können, meint der zupackende Praktiker und ergänzt: „Es ist echt eine Qualität für mich, in meinem Alter noch in diese Welt eintauchen zu können.“

Als die Elektronik am Garagentor streikte, schickte man probeweise Nico zur Unterstützung des Fachmanns mit. Danach kam Michael begeistert ins Büro und sagte: „Hey, der Typ ist ja super!“ Seit diesem Tag steht das Dreierteam im Facility Management: Elektromeister Philipp für das Organisatorische, Michael und Nico für das Handwerkliche. Die Chemie hat sofort gestimmt, das war die Basis für alles Weitere.

„Wenn man zwei Leute wie uns zusammenwirft, muss es auch mental funktionieren, sonst kann man es vergessen. Das ist ja schon viel Lebenszeit, die wir zusammen verbringen.“

Michael

Alles, was Nico über Elektrik weiß, hat er im Handumdrehen hier gelernt. Dabei kann er eine Ausbildung als Dreher vorweisen, doch in dieser Position wollte ihn keiner einstellen. Auch bei iD fuhr er die Putzmaschine, bevor Michael entdeckte, dass er weit mehr draufhatte. Seit Nico ins Elektrik-Team aufgerückt ist, wächst ihm von den Kollegen eine ganz andere Art der Anerkennung zu. Das ist Balsam für die Seele und das Selbstbewusstsein.

Man zeigt Nico einmal etwas, und schon kann er es, wie Michael versichert. Außerdem denkt er mit, eine Fähigkeit, die gerade in kleinen Teams nicht hoch genug einzuschätzen ist. Hat Michael ein Werkzeug vergessen, holt Nico es unaufgefordert – er weiß, was gebraucht wird. Die IT-Dosen in der Zentrale hat der Blondschopf allein montiert, eine filigrane Arbeit, bei der ihm seine feinmotorische Begabung entgegenkam.

Inzwischen sind wir vom Haupthaus in die Montagehalle vorgerückt, wo anfangs IT-Leitungen in einer luftigen Höhe von 6 Metern verlegt werden mussten. Dabei zeigte sich, dass Nico keinerlei Höhenangst hat, aber trotzdem die nötige Vorsicht walten lässt. Der drahtige junge Mann ist ein sehr guter Zuarbeiter, meint Michael anerkennend. „Ich muss ihm natürlich immer in die Augen schauen, sonst geht gar nichts.“ Wäre es nicht sowieso schön, man schaute sich öfter in die Augen statt aneinander vorbei?

„Wenn ich jemanden an der Seite habe, mit dem ich reden kann, heißt das noch lange nicht, dass der besser ist. Ganz und gar nicht.“

Michael

Gerade die Abwechslung hat es Nico angetan. Jeden Tag steht etwas anderes auf dem Programm, heute zum Beispiel die Laternen, die vor einem Wohnheim geschaltet werden müssen. Als die Leuchte am Hauseingang endlich brennt, fällt die weiter entfernte aus, man wähnt sich in einem Loriot-Sketch. Es dauert eine Weile, bis das Team dem Schaltungsfehler auf die Spur kommt. Dann aber strahlen Laternen und Gesichter um die Wette. Mission wieder einmal erfüllt!

Bestimmte Vorarbeiten führt Nico zuverlässig allein aus, Michael muss also nicht dauernd danebenstehen. Auch durch das bewiesene Vertrauen hat Nico enorm an Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein gewonnen. Derzeit macht er sogar den Führerschein. Er lebt in seiner eigenen Wohnung unweit der Firma, geht gern in barrierefreie Kinofilme und begegnet der Welt mit der entwaffnenden Offenheit, von der wir aus eigener Anschauung erzählen können.

Nicos ansteckendes Lächeln begleitet uns lange, nachdem wir dieses außergewöhnliche Sondereinsatzkommando verlassen haben. Da ist ein Anleiter, der den Inklusionsgedanken verinnerlicht hat. Und da ist einer, der mehr ausstrahlt, als er zu sagen vermag. Aber das Wesentliche kann man ohnehin nicht in Worte fassen.

Hella

Allein unter Männern

Wenn das Auge durch die lichte Montagehalle von INTEC in Besigheim schweift, braucht es lange, bis es Hella erfasst. Kein Wunder, ist sie doch die einzige Frau im Betrieb. Dennoch fühlt sie sich pudelwohl und sagt strahlend: „Ich bin angekommen!“ Sie hat gelernt, sich durchzusetzen. Pullern bei offenen Toilettentüren ist tabu, seit Hella das Team verstärkt hat.

  • Hella hält, an ihrem Arbeitsplatz sitzend, eine eingeschweißte Steckdosenleiste in die Höhe. Im Hintergrund Stahlregale in Montagehallenoptik.
    Hella montiert Steckdosenleisten und schweißt sie dann ein. Dafür sind verschiedene Arbeitsgänge nötig, die ihren Tag abwechslungsreich machen. Zack, wieder ist ein Päckchen fertig!

Die Chemnitzerin ist gelernte Korbmacherin und hat einen weiten Weg hinter sich. Nach einigen Jahren in der Kerzenproduktion machten die Hände Probleme und die Arbeit keinen Spaß mehr. Weil Hella sich mit Halbheiten nicht begnügen wollte, zog sie gen Süden. Man geht dahin, wo es Arbeit gibt, sagt sie. Das gilt umso mehr, wenn man sehbehindert, hörgeschädigt und Epileptikerin ist.

Nach dem ersten Probetag wäre Hella am liebsten gleich da geblieben, „weil Technik einfach meins ist! Die Arbeit hier macht tierisch viel Spaß!“ Derzeit montiert und verpackt sie Steckdosen ‒ aufgrund der unterschiedlichen Arbeitsgänge eine spannende Arbeit. Außerdem entlastet die Abwechslung ihre Augen, in denen sich Schaffens- und Lebensfreude spiegeln. Sollte eine der vielfältigen Aufgaben doch mal zu monoton werden, ist da der Mann am Nachbartisch mit seinem hintergründigen Lächeln. Er hält Hella zuverlässig bei Laune.

„Hier würde ich auch bis zur Rente bleiben, wenn es der Körper und die Gelenke mitmachen. Ich will nicht wieder weg!“

Hella

Mit diesem Arbeitskollegen geht Hella in jeder Mittagspause durch die Wiesen hinter dem Firmengelände spazieren. Und plötzlich sind sie ganz weit weg vom umtriebigen Industriegebiet. Der Werktischnachbar sei ein Mann, mit dem sie reden und der auch zuhören könne, schwärmt Hella und fügt lachend hinzu: „Wenn er nicht so alt wäre, dann wäre er was für mich.“ Wird es jetzt zu privat? Nein, beide sind in festen Händen, genießen aber das herzliche Verhältnis zueinander.

Männer, Männer, nichts als Männer umschwirren Hella in diesem technikgesättigten Umfeld. Doch sie lässt sich von der überproportionalen Testosteronkonzentration keineswegs übermannen. Anfangs gab es schon kleinere Reibereien, aber zu Hause pflegte sie dann zu sagen: „Ich rücke mir die Männer schon zurecht!“ Wenn die Tür zum Pissoir doch wieder ungewollte Einblicke zulässt, gibt es „halt mal einen kleenen Anschnauzer“.

„Vorläufig bleibe ich die einzige Frau. Das ist o.k., dann gibt es wenigstens keinen Zickenalarm.“

Hella

Vielseitigkeit hat sich Hella auch in ihrer Freizeit auf die Fahnen geschrieben. Sie spielt auf hohem Niveau Torball, eine Sportart für Sehbehinderte, bei der man einen Ball mit Klingel ins gegnerische Tor befördern muss. Eine Dunkelbrille sorgt dafür, dass alle gleich schwarz sehen. Im letzten Jahr war Hella mit dem Frauenteam in Nizza, kurz vor dem Corona-bedingten Lockdown hat sie noch die Rückrunde der Zweiten Bundesliga gespielt.

An Samstagen hilft Hella oft bei einem Reitstall aus, der therapeutisches Reiten anbietet. Dort putzt und bewegt sie die Pferde. Außerdem moderiert sie in unregelmäßigen Abständen ihre eigene Sendung im Internetradio. Ihr bewegter Sprachfluss dürfte Hörer*innen ähnlich wie den Interviewer gefangen nehmen. Hellas Pseudonym als Sprecherin ist übrigens „Butterblume“ – das leuchtende, lebensfrohe Gelb passt gut zu ihrem Typ.

Trotz dieser Energie lässt sich nicht alles im Leben verwirklichen. Hella hätte gern eine Familie gegründet, doch das hat sie mittlerweile abgeschrieben. Auch ihr Partner leidet an Epilepsie, sodass die durchgängige Versorgung der Kinder gefährdet wäre. Das stellt sie ganz ohne Bitterkeit fest. Was man hingegen spürt, ist eine große Dankbarkeit. Auch dafür, dass Hella bei INTEC immer wieder Neues ausprobieren darf. Die Sehbehinderung sei egal, signalisierte man ihr von Anfang an. Stattdessen schaut man, was sie machen kann. Und sie kann viel, weil sie mehr will.

Nadine & Yaprak

Die Frauen der ersten Stunde

Von der Esslinger Hoodie-Manufaktur wasni kann man einiges lernen. Zum Beispiel, wie man in Gebärdensprache ordentlich flucht, wie ein Sweatshirt vom Design bis zum Kleiderbügel entsteht und was ein echtes Team ausmacht. Ich spreche mit Nadine und Yaprak, die von Anfang an dabei waren.

  • Nadine sitzt im Interview vor einem Ständer mit Hoodies der aktuellen wasni-Kollektion.
    Modedesignerin und Maßschneiderin Nadine inmitten von Sweatshirts der aktuellen wasni-Kollektion. Im Interview hört man, dass sie für das brennt, was sie tut. Im Endprodukt sieht man es. Die 26-Jährige hat schon früh ihre Kleider selbst genäht.

Die kleinwüchsige Nadine wurde nach ihrer Ausbildung zur Modedesignerin und Maßschneiderin vom Fleck weg engagiert. Manufakturgründer Daniel erkannte sofort, dass sie topfit war und professionell mit CAD-Systemen arbeitete. Bis heute sind das Design und die Schnitte ihre Domäne. Für neue Modelle lässt sie sich von ihrer Inspiration ebenso wie von den vielfältigen Kundenwünschen leiten.

Man mag es kaum glauben: Ursprünglich hielt Nadine Arbeit für ein lästiges Übel, einen reinen Broterwerb, dem sie nur nachgehen würde, solange sie müsste. Heute dagegen kommt sie „supergern“ zur Arbeit und bleibt auch mal länger, selbst wenn es nicht unbedingt sein muss. Hinter diesem Sinneswandel steckt das Dream-Team von wasni. Gefühlt gebe es gar keinen Chef, sagt Nadine – das muss ein Chef erst mal hinbekommen! Entschieden wird gemeinsam und jeder kann eigene Gestaltungsideen einbringen.

Die kreative Arbeit macht Nadine so viel Spaß, dass sie Gedanken oft nach Dienstschluss weiterspinnt. Dann überlegt sie, wie sich Abläufe im Nähen vereinfachen lassen, oder schaut, was Mitbewerber machen. Weil ihr der Austausch so wichtig ist, zieht sie gern ihren Mann hinzu. Irgendwann ist aber zu Hause doch die unverzichtbare Entspannung angesagt. Nadine treibt viel Sport, besonders CrossFit, eine Art Zehnkampf.

Für die Zukunft wünscht sich Nadine, dass wasni über Esslingen hinaus noch bekannter werden möge. Ansonsten ist sie rundum zufrieden. Es wirkt daher etwas überraschend, dass ausgerechnet sie mir das schöne Schimpfwort „Scheiße“ in Gebärdensprache übersetzt. Warum hat sie diese recht komplizierte Sprache überhaupt gelernt? Da kommt ihre Kollegin Yaprak ins Spiel, mit der sie besonders eng zusammenarbeitet.

„Es ist wirklich wie unter Freunden. In der Mittagspause bleiben Leute, die eigentlich schon Feierabend haben, oft noch hier, einfach weil es so schön ist.“

Nadine

Die gehörlose Yaprak bewarb sich als gelernte Mode-Teilnäherin gleichzeitig mit Nadine. Da waren es bei wasni schon mal drei, und das sollte ein Jahr lang so bleiben. Später ermöglichte Gründer Daniel allen 7 Mitarbeiter*innen einen Kurs in Gebärdensprache. Damit legte er wohl auch den Grundstein zum außergewöhnlichen Betriebsklima.

Keiner weiß besser als Yaprak, wie wichtig die funktionierende Kommunikation ist. Sie kam 2002 nach Deutschland und musste zusammen mit der Gebärdensprache Deutsch lernen. Das schaffte sie in knapp 4 Jahren ‒ eine ungeheure Energieleistung! Jetzt übt sie laufend mit den Kolleg*innen, denen sie einen ordentlichen Gebärdenwortschatz attestiert. Der Interviewer versteht dagegen nur Bahnhof, weshalb bei unserer Begegnung eine Dolmetscherin klartextet.

Yaprak schließt Vorder- und Rückteile, näht Kapuzen, Taschen, Ösen und Knöpfe an. Weil sie auch Teile zuschneidet, berät sie sich laufend mit Nadine. Manchmal muss sie in dem kleinen Laden sogar Kunden betreuen ‒ leichter gesagt als gebärdet. Doch Yaprak hat gelernt, mit Charme in die Offensive zu gehen: Sie bittet den Gast gleich darum, langsam zu sprechen, damit sie von den Lippen ablesen kann, und das Gesagte mit lebhafter Mimik zu unterstützen.

„Man braucht Mut, muss in die Offensive gehen. Mittlerweile kann ich das gut.“

Yaprak

In ihrer Freizeit kocht Yaprak gern und hört Musik – an dieser Stelle stutze ich kurz. Tatsächlich geht das mit Hilfe eines Hörgeräts, das vor allem die Bässe transportiert. Es ist mehr ein Gefühl, Yaprak spürt die Musik im Bauch. Ansonsten dürfte es ihr wie Menschen mit normalem Hörvermögen gehen: Musik entspannt und befreit.

Bisher gab es immer Steigerungen in Yapraks Leben, aber mittlerweile sieht sie sich auf einem Gipfel angekommen. „Ich werde verstanden“, sagt sie. Ist es nicht das, worum es uns allen geht? Ich führe die flache rechte Hand vom Kinn ein Stück nach unten. Das heißt danke. Dem großen Respekt vor Yapraks Leistung kann ich auch in gesprochener Sprache nur schwer Ausdruck verleihen.

Nico & Guiliano

Zwei wie Zwiebel und Zwiebelhaut

Die Küche der Großkantine in Söflingen gleicht eher einem Tanzsaal. Rund 500 Essen kommen hier täglich aus Töpfen und Pfannen. Daran beteiligt sind zwei junge Männer, die ihren eigenen Tanz zwischen Vorspeisen, Zwiebeln und Fritteusen aufführen. Der smarte Guiliano und der hochaufgeschossene Nico harmonieren dabei hervorragend.

  • n der edelstahlglänzenden Großküche legt Nico den Arm um den einen Kopf kleineren Giuliano, der seinerseits die Hand auf die Schulter des Freundes legt. Vor den lächelnden jungen Männern sind rechteckige Edelstahlbehälter mit verschiedenen Rohkostsalaten aufgereiht.
    Nico und Giuliano kennen sich schon seit der Schule. Unzertrennlich wurden sie aber erst, als sie sich zufällig in der Kantine von JU*törn wiedertrafen. Beide haben gerade ihren ersten Arbeitsvertrag unterzeichnet.

Kennen gelernt haben sich die beiden auf einer Schule für Menschen mit Lernbehinderung. Damals gingen sie allerdings in unterschiedliche Klassen, hatten also nicht sonderlich viel miteinander zu tun. Nach einigen Umwegen begegneten sie sich in der Kantine wieder. Guiliano sprach Nico an: „Sag mal, ich kenne dich doch von irgendwoher!“ Seitdem sind sie unzertrennlich, ein gut gelauntes Team in der Speisenvorbereitung.

Nico ist der Enthüllungsspezialist: Er schält Zwiebeln, Karotten und besonders gern Kartoffeln, darf aber auch Eier aufschlagen, Fleisch anbraten oder die Fritteuse putzen. Gerade diese Abwechslung hält ihn bei Laune. Allerdings hat es einige Praktika gebraucht, bis Nico seinen Platz gefunden hat – einfühlsam unterstützt vom Geschäftsführer, dem Integrationsfachdienst und der Schule. Manchmal greifen die Zahnräder eben doch so ineinander, wie man es sich wünscht in einer Marktwirtschaft, die sozial genannt werden will.

Auch in anderer Hinsicht scheint Nico angekommen zu sein: Nach längerer Zeit im Internat wohnt er wieder zu Hause bei seinen Eltern. Unter der Trennung hat er sehr gelitten, das möchte er nie wieder erleben. Außerdem wird er ja in der heimischen Landwirtschaft gebraucht, wie er versichert. Wenn Nico von der Arbeit kommt, zieht er sich um, und dann geht es gleich weiter. Musik zu hören oder mit dem Rad die Gegend zu erkunden, sind seltene Vergnügungen geworden.

„Ich bin immer zum Wochenende vom Internat heimgekommen und musste dann am Sonntagabend wieder gehen. Das war für mich so schlimm!“

Nico

Nico wohnt zwar auf dem Land, kann aber vom Bahnhaltepunkt im nahen Amstetten aus gut mit dem Zug zur Arbeit fahren – normalerweise. Doch die pandemiebedingte Kurzarbeit hat die Zeitkarte unrentabel gemacht. Jetzt wird Nico von wechselnden Nachbarn im Auto mitgenommen, manchmal fährt ihn auch sein Vater ins Industriegebiet. Ihn selbst stört dieser Umstand allerdings wenig, er ist froh, seine Festanstellung zu haben – und den Freund Guiliano.

Es fällt schwer, den Blick von Guilianos gesträhnten, perfekt gestylten Haaren abzuwenden, selbst wenn man über die wichtigen Dinge des Lebens sprechen will. Der waschechte Schwabe mit sizilianischen Wurzeln freut sich sichtlich über das haarige Kompliment. Er ist seit zwei Jahren in der Küche beschäftigt und hat gerade wie Nico seinen ersten festen Arbeitsvertrag bekommen. Zu Recht erfüllt ihn das mit Stolz.

Guiliano scheint geradezu prädestiniert für seinen Job, hat er doch schon im Restaurant seines Vaters kräftig mit angepackt. Aber es kam einiges obendrauf: Zu oft spielte er den Babysitter für seine kleine Schwester und musste dann am nächsten Morgen müde in die Schule schlurfen. Als ihm die Mehrfachbelastung zu viel wurde, machte er sich auf zum Arbeitsamt. Er brauchte einfach etwas anderes.

Gleich bei der ersten Stelle, die man ihm vermittelte, hatte Guiliano den Salat. Diesen richtet er ebenso sorgfältig an wie die Vorspeisen für die Kantine. Eine gesunde Selbsteinschätzung hilft ihm bei allem, was er tut: Er sei nicht der Schnellste, räumt er ein, aber er mache seine Arbeit sehr sauber und sorgfältig. Auf ihn könne man sich verlassen. Und was, bitte, braucht ein Chef mehr als Verlässlichkeit?

„Ich würde gern noch andere Sachen machen, Nudeln kochen oder Soße zubereiten. Das habe ich ja auch früher schon gemacht.“

Guiliano

Vieles hat sich geändert, seit Guiliano in der Großküche arbeitet und bei seiner Großmutter wohnt. Vor allem hat er mehr Zeit und kann dem nachgehen, was ihm buchstäblich Kraft gibt: Muskelaufbautraining, Basketball, viel Bewegung draußen oder einfach nur Musik auf die Ohren. Während er sein früheres Zuhause hinter sich gelassen hat, fand sein Freund Nico nach Hause zurück. Beides sind Wege, welche die jungen Männer letztlich zu sich selbst führen.

Florian & Tamara

Man muss es sportlich nehmen

Im Innenhof des historischen Schwanenhofs sitzt man schön schattig. Hier treffe ich Florian und Tamara. Sie arbeiten Hand in Hand im integrativen Café Mitnander, das diesen malerischen Platz bespielt. Seit 2012 tischt das Vorzeigeprojekt in Eichstetten am Kaiserstuhl reichhaltige Mittagsmenüs sowie eine schier unfassbare Vielfalt an Torten und Kuchen auf. Kaum zu glauben, dass es so etwas in einer 3600-Seelen-Gemeinde gibt!

  • Der 27-jährige Florian spült in der Restaurantküche mit einer von der Decke hängenden Geschirrspülbrause einen Schneebesen ab.
    Ein Mann mit Geschirrspülführerschein lehrt jeden Essensrückstand das Gruseln. Ob von Hand oder mit maschineller Hilfe, Florian verbreitet Glanz und sorgt für die Einhaltung hygienischer Standards.

Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen haben den 27-jährigen Florian in die erstaunlich große Küche des Cafés Mitnander geführt. Hier bringt er Edelstahlbehälter zum Glänzen und erweist sich seines offiziellen „Geschirrspülführerscheins“ als würdig. Auch im Catering-Mobil, das täglich 170 Mahlzeiten ausliefert, spielt er eine tragende Rolle.

Um die Mittagszeit wird der Betrieb hektischer, doch Florian lässt sich nicht stressen: „Ich versuche mein Bestes, so schnell, wie ich kann, aber wir sind ja nur Menschen und keine Maschinen.“ Weise Worte, die wir uns alle hinter die Ohren schreiben sollten! Gibt es im Betrieb Konflikte, spricht Florian sie offen an. Das handhabt er auch in seiner Freiburger WG der Lebenshilfe so, wo er seit 10 Jahren lebt.

Dass er in der Stadt wohnt und auf dem Land arbeitet, hat Florians Selbstständigkeit befördert. Schließlich musste er mit den Tücken des öffentlichen Nahverkehrs zurechtkommen. Doch selbst der Schienenersatzverkehr der Deutschen Bahn konnte ihn nicht daran hindern, ein souveräner Berufspendler zu werden. Gern taucht er aber auch mit der Straßenbahn ins Freiburger Nachtleben ein.

Der vielseitige junge Mann liebt seine Freiheit in der Vierer-WG. Er spielt leidenschaftlich gern Schach, folgt fasziniert den Mondphasen auf seiner Wetterstation und hat die Kochkunst für sich entdeckt. Besonders viel Zeit verbringt er beim Sport: Rund 20 Medaillen vom Deutschen Down-Sportlerfestival schmücken Florians blitzsauberes Zimmer. Er geht regelmäßig zum Tanzen und flitzt auf seinem City-Roller durch die Universitätsstadt. Ob seine ansteckende Lebensfreude etwas mit dieser Fitness zu tun hat?

„Wenn ich was im Kopf habe, erreiche ich es.“



Florian

In ihrer Sportbegeisterung steht die 21-jährige Tamara ihrem Teamkollegen Florian in nichts nach. Sie fährt mit ihrem nigelnagelneuen Rad schon mal die acht Kilometer von der elterlichen Wohnung zum Arbeitsplatz. Zwei Mal in der Woche trainiert sie im Fitnessstudio an Geräten, die dem Reporter wie Folterwerkzeuge aus einem Science-Fiction-Film vorkommen. Seitdem haben Tamaras Nackenschmerzen deutlich nachgelassen. Und sie bleibt dran!

Beides zusammen, der Sport und die Arbeit im Café, haben ihr Lebensgefühl gehoben, wie Tamara erzählt. Als sie für die Prüfung in „Vorbereitenden Arbeiten“ büffelte, half ihr eine Mentorin, anfangs einmal in der Woche, am Ende in sehr großen Abständen. Tamara lernte also nicht nur, Gurkensalat mit Putenstreifen zuzubereiten, sondern selbst zu entscheiden. Das kommt ihr bei der Speisenvorbereitung an der Theke zugute, denn Sonderwünsche sind an der Tagesordnung und ein gemischtes Eis kann sehr unterschiedlich gemischt sein.

Im Hofgut Himmelreich, wo Tamara ihre Ausbildung gemacht hat, lernte sie Aline kennen. Wie schön, dass die Freundin ebenfalls im Café einen Arbeitsplatz fand! Die beiden fahren oft nach Freiburg ins Kino oder einfach zum Bummeln. In der Universitätsstadt gibt es wahrlich genug zu sehen und zu erleben. Vielleicht erzählt Tamara ihrem Nymphensittich Moritz davon, wenn er es sich auf ihrem Kopf gemütlich gemacht.

Was sich die achtfache Tante Tamara für die Zukunft wünscht? Dass alles bleibt, wie es ist. Mit einem Lächeln serviert sie jetzt den Eiscafé, Vanilleeiskugel inklusive. Es kommt schon mal vor, dass Vanille alle ist, dann muss Tamara andere Akzente in Weiß setzen. Auch das Improvisieren hat sie hier gelernt. Heute braucht sie es aber nicht, wie der Interviewer mit Genuss feststellt. Kaltes Sommergetränk, cooles Team!