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Nico & Michael

Schau mir in die Augen, Partner!

Eine seltsame Situation: Um mit dem gehörlosen Nico zu sprechen, reden wir viel mit seinem Anleiter Michael. Zwar hat Nico keine Gebärdensprache gelernt, aber die blitzenden blauen Augen und das verschmitzte Lächeln sagen dann doch mehr als manche Worte. Wir begleiten das eingespielte Technikteam bei seiner täglichen Repara-Tour rund um die Gebäude der Lebenshilfe Offenburg.

  • In einem frisch renovierten Raum unterhalten sich Anleiter Michael und Nico. Sie stehen dabei vor ihrem geöffneten Werkzeugkasten, der auf einem einfachen Arbeitstisch liegt.
    Jeden Morgen trifft sich das Elektrik-Team, um zu besprechen, was ansteht. Dann gehen Michael und Nico auf eine Tour, die von Serverschränken bis zu Straßenlaternen täglich Neues bietet.

Der gelernte Industrieelektriker und Ofenbauer Michael ist nach 25 Jahren Selbstständigkeit beim inklusiven Dienstleister iD eingestiegen. Großes Hallo im Bewerbungsgespräch: Vor langer Zeit hat Michael dem Betriebsleiter einen Kachelofen gesetzt. Etwas Besseres hätte er nicht finden können, meint der zupackende Praktiker und ergänzt: „Es ist echt eine Qualität für mich, in meinem Alter noch in diese Welt eintauchen zu können.“

Als die Elektronik am Garagentor streikte, schickte man probeweise Nico zur Unterstützung des Fachmanns mit. Danach kam Michael begeistert ins Büro und sagte: „Hey, der Typ ist ja super!“ Seit diesem Tag steht das Dreierteam im Facility Management: Elektromeister Philipp für das Organisatorische, Michael und Nico für das Handwerkliche. Die Chemie hat sofort gestimmt, das war die Basis für alles Weitere.

„Wenn man zwei Leute wie uns zusammenwirft, muss es auch mental funktionieren, sonst kann man es vergessen. Das ist ja schon viel Lebenszeit, die wir zusammen verbringen.“

Michael

Alles, was Nico über Elektrik weiß, hat er im Handumdrehen hier gelernt. Dabei kann er eine Ausbildung als Dreher vorweisen, doch in dieser Position wollte ihn keiner einstellen. Auch bei iD fuhr er die Putzmaschine, bevor Michael entdeckte, dass er weit mehr draufhatte. Seit Nico ins Elektrik-Team aufgerückt ist, wächst ihm von den Kollegen eine ganz andere Art der Anerkennung zu. Das ist Balsam für die Seele und das Selbstbewusstsein.

Man zeigt Nico einmal etwas, und schon kann er es, wie Michael versichert. Außerdem denkt er mit, eine Fähigkeit, die gerade in kleinen Teams nicht hoch genug einzuschätzen ist. Hat Michael ein Werkzeug vergessen, holt Nico es unaufgefordert – er weiß, was gebraucht wird. Die IT-Dosen in der Zentrale hat der Blondschopf allein montiert, eine filigrane Arbeit, bei der ihm seine feinmotorische Begabung entgegenkam.

Inzwischen sind wir vom Haupthaus in die Montagehalle vorgerückt, wo anfangs IT-Leitungen in einer luftigen Höhe von 6 Metern verlegt werden mussten. Dabei zeigte sich, dass Nico keinerlei Höhenangst hat, aber trotzdem die nötige Vorsicht walten lässt. Der drahtige junge Mann ist ein sehr guter Zuarbeiter, meint Michael anerkennend. „Ich muss ihm natürlich immer in die Augen schauen, sonst geht gar nichts.“ Wäre es nicht sowieso schön, man schaute sich öfter in die Augen statt aneinander vorbei?

„Wenn ich jemanden an der Seite habe, mit dem ich reden kann, heißt das noch lange nicht, dass der besser ist. Ganz und gar nicht.“

Michael

Gerade die Abwechslung hat es Nico angetan. Jeden Tag steht etwas anderes auf dem Programm, heute zum Beispiel die Laternen, die vor einem Wohnheim geschaltet werden müssen. Als die Leuchte am Hauseingang endlich brennt, fällt die weiter entfernte aus, man wähnt sich in einem Loriot-Sketch. Es dauert eine Weile, bis das Team dem Schaltungsfehler auf die Spur kommt. Dann aber strahlen Laternen und Gesichter um die Wette. Mission wieder einmal erfüllt!

Bestimmte Vorarbeiten führt Nico zuverlässig allein aus, Michael muss also nicht dauernd danebenstehen. Auch durch das bewiesene Vertrauen hat Nico enorm an Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein gewonnen. Derzeit macht er sogar den Führerschein. Er lebt in seiner eigenen Wohnung unweit der Firma, geht gern in barrierefreie Kinofilme und begegnet der Welt mit der entwaffnenden Offenheit, von der wir aus eigener Anschauung erzählen können.

Nicos ansteckendes Lächeln begleitet uns lange, nachdem wir dieses außergewöhnliche Sondereinsatzkommando verlassen haben. Da ist ein Anleiter, der den Inklusionsgedanken verinnerlicht hat. Und da ist einer, der mehr ausstrahlt, als er zu sagen vermag. Aber das Wesentliche kann man ohnehin nicht in Worte fassen.