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Nico & Guiliano

Zwei wie Zwiebel und Zwiebelhaut

Die Küche der Großkantine in Söflingen gleicht eher einem Tanzsaal. Rund 500 Essen kommen hier täglich aus Töpfen und Pfannen. Daran beteiligt sind zwei junge Männer, die ihren eigenen Tanz zwischen Vorspeisen, Zwiebeln und Fritteusen aufführen. Der smarte Guiliano und der hochaufgeschossene Nico harmonieren dabei hervorragend.

  • n der edelstahlglänzenden Großküche legt Nico den Arm um den einen Kopf kleineren Giuliano, der seinerseits die Hand auf die Schulter des Freundes legt. Vor den lächelnden jungen Männern sind rechteckige Edelstahlbehälter mit verschiedenen Rohkostsalaten aufgereiht.
    Nico und Giuliano kennen sich schon seit der Schule. Unzertrennlich wurden sie aber erst, als sie sich zufällig in der Kantine von JU*törn wiedertrafen. Beide haben gerade ihren ersten Arbeitsvertrag unterzeichnet.

Kennen gelernt haben sich die beiden auf einer Schule für Menschen mit Lernbehinderung. Damals gingen sie allerdings in unterschiedliche Klassen, hatten also nicht sonderlich viel miteinander zu tun. Nach einigen Umwegen begegneten sie sich in der Kantine wieder. Guiliano sprach Nico an: „Sag mal, ich kenne dich doch von irgendwoher!“ Seitdem sind sie unzertrennlich, ein gut gelauntes Team in der Speisenvorbereitung.

Nico ist der Enthüllungsspezialist: Er schält Zwiebeln, Karotten und besonders gern Kartoffeln, darf aber auch Eier aufschlagen, Fleisch anbraten oder die Fritteuse putzen. Gerade diese Abwechslung hält ihn bei Laune. Allerdings hat es einige Praktika gebraucht, bis Nico seinen Platz gefunden hat – einfühlsam unterstützt vom Geschäftsführer, dem Integrationsfachdienst und der Schule. Manchmal greifen die Zahnräder eben doch so ineinander, wie man es sich wünscht in einer Marktwirtschaft, die sozial genannt werden will.

Auch in anderer Hinsicht scheint Nico angekommen zu sein: Nach längerer Zeit im Internat wohnt er wieder zu Hause bei seinen Eltern. Unter der Trennung hat er sehr gelitten, das möchte er nie wieder erleben. Außerdem wird er ja in der heimischen Landwirtschaft gebraucht, wie er versichert. Wenn Nico von der Arbeit kommt, zieht er sich um, und dann geht es gleich weiter. Musik zu hören oder mit dem Rad die Gegend zu erkunden, sind seltene Vergnügungen geworden.

„Ich bin immer zum Wochenende vom Internat heimgekommen und musste dann am Sonntagabend wieder gehen. Das war für mich so schlimm!“

Nico

Nico wohnt zwar auf dem Land, kann aber vom Bahnhaltepunkt im nahen Amstetten aus gut mit dem Zug zur Arbeit fahren – normalerweise. Doch die pandemiebedingte Kurzarbeit hat die Zeitkarte unrentabel gemacht. Jetzt wird Nico von wechselnden Nachbarn im Auto mitgenommen, manchmal fährt ihn auch sein Vater ins Industriegebiet. Ihn selbst stört dieser Umstand allerdings wenig, er ist froh, seine Festanstellung zu haben – und den Freund Guiliano.

Es fällt schwer, den Blick von Guilianos gesträhnten, perfekt gestylten Haaren abzuwenden, selbst wenn man über die wichtigen Dinge des Lebens sprechen will. Der waschechte Schwabe mit sizilianischen Wurzeln freut sich sichtlich über das haarige Kompliment. Er ist seit zwei Jahren in der Küche beschäftigt und hat gerade wie Nico seinen ersten festen Arbeitsvertrag bekommen. Zu Recht erfüllt ihn das mit Stolz.

Guiliano scheint geradezu prädestiniert für seinen Job, hat er doch schon im Restaurant seines Vaters kräftig mit angepackt. Aber es kam einiges obendrauf: Zu oft spielte er den Babysitter für seine kleine Schwester und musste dann am nächsten Morgen müde in die Schule schlurfen. Als ihm die Mehrfachbelastung zu viel wurde, machte er sich auf zum Arbeitsamt. Er brauchte einfach etwas anderes.

Gleich bei der ersten Stelle, die man ihm vermittelte, hatte Guiliano den Salat. Diesen richtet er ebenso sorgfältig an wie die Vorspeisen für die Kantine. Eine gesunde Selbsteinschätzung hilft ihm bei allem, was er tut: Er sei nicht der Schnellste, räumt er ein, aber er mache seine Arbeit sehr sauber und sorgfältig. Auf ihn könne man sich verlassen. Und was, bitte, braucht ein Chef mehr als Verlässlichkeit?

„Ich würde gern noch andere Sachen machen, Nudeln kochen oder Soße zubereiten. Das habe ich ja auch früher schon gemacht.“

Guiliano

Vieles hat sich geändert, seit Guiliano in der Großküche arbeitet und bei seiner Großmutter wohnt. Vor allem hat er mehr Zeit und kann dem nachgehen, was ihm buchstäblich Kraft gibt: Muskelaufbautraining, Basketball, viel Bewegung draußen oder einfach nur Musik auf die Ohren. Während er sein früheres Zuhause hinter sich gelassen hat, fand sein Freund Nico nach Hause zurück. Beides sind Wege, welche die jungen Männer letztlich zu sich selbst führen.