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Hella

Allein unter Männern

Wenn das Auge durch die lichte Montagehalle von INTEC in Besigheim schweift, braucht es lange, bis es Hella erfasst. Kein Wunder, ist sie doch die einzige Frau im Betrieb. Dennoch fühlt sie sich pudelwohl und sagt strahlend: „Ich bin angekommen!“ Sie hat gelernt, sich durchzusetzen. Pullern bei offenen Toilettentüren ist tabu, seit Hella das Team verstärkt hat.

  • Hella hält, an ihrem Arbeitsplatz sitzend, eine eingeschweißte Steckdosenleiste in die Höhe. Im Hintergrund Stahlregale in Montagehallenoptik.
    Hella montiert Steckdosenleisten und schweißt sie dann ein. Dafür sind verschiedene Arbeitsgänge nötig, die ihren Tag abwechslungsreich machen. Zack, wieder ist ein Päckchen fertig!

Die Chemnitzerin ist gelernte Korbmacherin und hat einen weiten Weg hinter sich. Nach einigen Jahren in der Kerzenproduktion machten die Hände Probleme und die Arbeit keinen Spaß mehr. Weil Hella sich mit Halbheiten nicht begnügen wollte, zog sie gen Süden. Man geht dahin, wo es Arbeit gibt, sagt sie. Das gilt umso mehr, wenn man sehbehindert, hörgeschädigt und Epileptikerin ist.

Nach dem ersten Probetag wäre Hella am liebsten gleich da geblieben, „weil Technik einfach meins ist! Die Arbeit hier macht tierisch viel Spaß!“ Derzeit montiert und verpackt sie Steckdosen ‒ aufgrund der unterschiedlichen Arbeitsgänge eine spannende Arbeit. Außerdem entlastet die Abwechslung ihre Augen, in denen sich Schaffens- und Lebensfreude spiegeln. Sollte eine der vielfältigen Aufgaben doch mal zu monoton werden, ist da der Mann am Nachbartisch mit seinem hintergründigen Lächeln. Er hält Hella zuverlässig bei Laune.

„Hier würde ich auch bis zur Rente bleiben, wenn es der Körper und die Gelenke mitmachen. Ich will nicht wieder weg!“

Hella

Mit diesem Arbeitskollegen geht Hella in jeder Mittagspause durch die Wiesen hinter dem Firmengelände spazieren. Und plötzlich sind sie ganz weit weg vom umtriebigen Industriegebiet. Der Werktischnachbar sei ein Mann, mit dem sie reden und der auch zuhören könne, schwärmt Hella und fügt lachend hinzu: „Wenn er nicht so alt wäre, dann wäre er was für mich.“ Wird es jetzt zu privat? Nein, beide sind in festen Händen, genießen aber das herzliche Verhältnis zueinander.

Männer, Männer, nichts als Männer umschwirren Hella in diesem technikgesättigten Umfeld. Doch sie lässt sich von der überproportionalen Testosteronkonzentration keineswegs übermannen. Anfangs gab es schon kleinere Reibereien, aber zu Hause pflegte sie dann zu sagen: „Ich rücke mir die Männer schon zurecht!“ Wenn die Tür zum Pissoir doch wieder ungewollte Einblicke zulässt, gibt es „halt mal einen kleenen Anschnauzer“.

„Vorläufig bleibe ich die einzige Frau. Das ist o.k., dann gibt es wenigstens keinen Zickenalarm.“

Hella

Vielseitigkeit hat sich Hella auch in ihrer Freizeit auf die Fahnen geschrieben. Sie spielt auf hohem Niveau Torball, eine Sportart für Sehbehinderte, bei der man einen Ball mit Klingel ins gegnerische Tor befördern muss. Eine Dunkelbrille sorgt dafür, dass alle gleich schwarz sehen. Im letzten Jahr war Hella mit dem Frauenteam in Nizza, kurz vor dem Corona-bedingten Lockdown hat sie noch die Rückrunde der Zweiten Bundesliga gespielt.

An Samstagen hilft Hella oft bei einem Reitstall aus, der therapeutisches Reiten anbietet. Dort putzt und bewegt sie die Pferde. Außerdem moderiert sie in unregelmäßigen Abständen ihre eigene Sendung im Internetradio. Ihr bewegter Sprachfluss dürfte Hörer*innen ähnlich wie den Interviewer gefangen nehmen. Hellas Pseudonym als Sprecherin ist übrigens „Butterblume“ – das leuchtende, lebensfrohe Gelb passt gut zu ihrem Typ.

Trotz dieser Energie lässt sich nicht alles im Leben verwirklichen. Hella hätte gern eine Familie gegründet, doch das hat sie mittlerweile abgeschrieben. Auch ihr Partner leidet an Epilepsie, sodass die durchgängige Versorgung der Kinder gefährdet wäre. Das stellt sie ganz ohne Bitterkeit fest. Was man hingegen spürt, ist eine große Dankbarkeit. Auch dafür, dass Hella bei INTEC immer wieder Neues ausprobieren darf. Die Sehbehinderung sei egal, signalisierte man ihr von Anfang an. Stattdessen schaut man, was sie machen kann. Und sie kann viel, weil sie mehr will.